#GewaltAngehen der DGUV - Interview mit Andre Niewöhner Gemeinsam stark gegen Gewalt
#GewaltAngehen ist eine Kampagne der Berufsgenossenschaften, Unfallkassen und ihres Spitzenverbandes, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung.
"Es geht Euch alle an, wenn man mich angeht", sagen die Botschafterinnen und Botschafter, die sich für #GewaltAngehen einsetzen. Hier finden Sie das aktuelle Interview mit Andre Niewöhner, Leiter der Koordinierungsgruppe #sicherimDienst.
#sicherimDienst ist ein Präventionsnetzwerk für mehr Schutz und Sicherheit von Beschäftigten im öffentlichen Dienst in Nordrhein-Westfalen. Es umfasst als Netzwerk Einzelpersonen ebenso wie Organisationen und ist nicht auf NRW beschränkt. Mehr als 2.700 Beschäftigte aus über 1000 Behörden, Institutionen, Verbänden oder Organisationen sind Partner. Das Netzwerk bietet die Möglichkeit zum Austausch und stellt allgemeine und branchenbezogene Tipps und Handlungsempfehlungen zum Thema Gewalt am Arbeitsplatz zur Verfügung. Das Präventionsnetzwerk wurde 2022 im Rahmen einer NRW-Initiative gegründet.
Herr Niewöhner, zu Beginn der Kampagne #GewaltAngehen haben Sie uns ein Interview gegeben und als Kampagnenbotschafter die Position vertreten "Selten kommen Angriffe aus dem Nichts. Es gibt häufig eine Eskalation, die sich durch gegenseitigen Respekt entschärfen lässt." Ab März 2026 stehen in Deutschland einige Landtags- und Kommunalwahlen an. Laut Medienberichten nehmen Angriffe auf Politikerinnen und Politiker ebenso zu wie auf Wahlkampfhelfende. Können Sie das bestätigen und gilt ihr Statement auch für diese Personengruppen?
Ja, das können wir bestätigen, und das zeigen auch die Statistiken. Vor Wahlen spitzt sich die Stimmung häufig zu. Emotionen sind stärker, Diskussionen werden härter, die Hemmschwelle sinkt. Das betrifft Mandatsträgerinnen und Mandatsträger und auch Wahlkampfhelfende, die oft ganz unvermittelt in Konflikte geraten.
Unser Statement gilt weiterhin: Viele Angriffe entwickeln sich schrittweise. Wer früh deeskaliert, ruhig bleibt und respektvoll kommuniziert, kann manches entschärfen. Aber klar ist auch: Respekt ist keine Einbahnstraße. Wo Grenzen überschritten werden, braucht es klare Reaktionen und Unterstützung.
Mandatsträgerinnen und Mandatsträger werden nicht nur im Amt, sondern häufig auch privat bedroht. Wie können Sie sich vor Übergriffen schützen?
Wichtig ist, Bedrohungen ernst zu nehmen – auch wenn sie "nur" schriftlich oder online erfolgen. Schutz beginnt mit Aufmerksamkeit: private Daten sparsam teilen, Social-Media-Profile überprüfen, sensibel mit Wohnadresse und Routinen umgehen. Auskunftssperren können hier beispielsweise helfen. Selbstschutz ist das Stichwort.
Ganz zentral: Vorfälle ansprechen, dokumentieren und melden. Niemand muss das allein aushalten. Polizei, Verwaltung und Beratungsstellen können nur schützen und helfen, wenn sie informiert sind. Unterstützung ist keine persönliche Schwäche, sondern eine Voraussetzung für demokratisches Engagement.
Häufig posten immer wieder dieselben Personen Hasskommentare oder drohen den Amtsinhaberinnen und Amtsinhabern. Wie sollte man damit umgehen und wann sind Anzeigen sinnvoll?
Beleidigungen und Drohungen sollten nicht ignoriert werden. Wichtig ist: nichts löschen, sondern sichern – Screenshots machen, Nachrichten speichern.
Wenn Grenzen überschritten werden, sind Anzeigen sinnvoll und wichtig. Sie zeigen: Hass ist kein Kavaliersdelikt. Erfahrungsgemäß können Täter in zwei von drei Fällen von Hass und Hetze ermittelt werden, gerade bei wiederholten Angriffen. Anzeigen schützen nicht nur die Betroffenen, sondern auch andere.
Auch völlig unbekannte Wahlhelfende werden beispielsweise bei der Plakatierung oder an Infoständen Zielscheiben für „hater“. Was können sie präventiv für ihre Sicherheit tun?
Vorbereitung hilft. Nicht allein arbeiten, klare Absprachen treffen, Situationen vorher einschätzen. Bei Infoständen sollte klar sein: Wer ist ansprechbar, wer zieht sich zurück, wer holt Hilfe.
Wichtig ist auch hier: Grenzen setzen. Niemand muss Beschimpfungen oder Bedrohungen aushalten. Im Zweifel gilt immer: Situation verlassen und Unterstützung holen. Sicherheit geht vor Diskussion.
Aus dem Gesundheitsbereich gibt es Zahlen, die belegen, dass beispielsweise Ärztinnen und weibliches Pflegepersonal häufiger als männliche Kollegen Gewalt erleben. Ist das im öffentlichen Dienst bzw. in der Politik auch so?
Ja. Aus vielen Bereichen wissen wir, dass Frauen häufiger und anders angegriffen werden – oft persönlicher, abwertender oder sexualisiert. Das gilt auch für Politik und öffentlichen Dienst.
Das zeigt: Gewaltschutz muss sensibel sein für unterschiedliche Betroffenheiten. Ein "one size fits all"-Ansatz reicht nicht. Schutzmaßnahmen müssen die Realität der Betroffenen widerspiegeln.
Manche Politiker und Politikerinnen geben auf, weil sie ein hohes Risiko von Gewalt durch externe Personen haben, andere kapitulieren wegen kollegialen Auseinandersetzungen und Anfeindungen. Was sagen Sie Menschen, die meinen, ein harter Umgangston und persönliche Angriffe seien in der Politik doch normal und es heiße schließlich "Wahlkampf" und Duell? Wann wird aus kontroversen Diskussionen Gewalt?
Kontroverse Diskussionen gehören zur Demokratie. Persönliche Angriffe, Einschüchterung oder Drohungen nicht. Gewalt beginnt nicht erst mit dem Schlag, sondern dort, wo Menschen systematisch abgewertet, bedroht oder mundtot gemacht werden.
Wenn Engagement krank macht oder Angst erzeugt, läuft etwas falsch. Politik lebt vom Streit in der Sache – nicht vom Angriff auf den Menschen. Genau deshalb sagen wir: Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch.